Einige von euch kennen mich noch aus meinen Jahren als Opti- und Laser-Segler beim WVS. Mit Heinz Meißner fing ich an, mich für die Jolle zu begeistern und entwickelte durch viel Vertrauen und Spaß auf dem Wasser die Grundlage für meine Regattakarriere. Danach ging es für mich in den Laser und ich fand Spaß am Wettkampf.
Nach 14 Jahren in der Jolle habe ich mich kurz vor dem Abi entschieden, ins Offshore-Segeln umzusteigen, mit dem Ziel, 2027 die Mini Transat zu segeln, ein Solorennen von Frankreich nach Brasilien, das zu den härtesten Einhandrennen der Welt zählt.

(Bildquelle: Ralf Hössel)
Seit anderthalb Jahren baue ich die Kampagne auf: Sponsoren suchen, die Kampagne finanzieren und langsam die Szene kennenlernen. Vor eineinhalb Monaten habe ich meinen Mini 650 Prototypen Nr. 419 gekauft, das Boot, mit dem ich jetzt zwei Jahre lang die Qualifikation für die Mini Transat angehe.
Qualifikation für die Mini Transat 2027
Die 1,5 Jahre Qualifikation erfordern viel Erfahrung auf dem eigenen Boot sowie starke mentale Resilienz. Wir sind 4.500 sm alleine unterwegs, haben kein Internet und kein Handy an Bord und müssen unsere 6,5 Meter langen Boote auf langer Strecke bei maximaler Belastung und Geschwindigkeit fahren. Die Qualifikation umfasst 1.500 sm in Mini-650-Regatten und 1.000 sm non-stop solo auf dem eigenen Boot. Dazu kommt die Vorbereitung auf wenig Schlaf, luftgetrocknete Nahrung, Einsamkeit und mögliche Extremsituationen.
Diese Qualifikationsphase startete für mich diese Saison mit der Roma per Due, einem 540-sm- Rennen doublehanded. Nach einem Monat Training in Marseille habe ich mein Boot solo 380 sm nach Rom überführt. Am 11. April bin ich dann gemeinsam mit meiner Co-Skipperin Juliane Hausmann gestartet. Direkt vor dem Start gab es eine lange Diskussion über die Route, da die Wettermodelle starken Wind von vorne vorhersagten. Die Regattaleitung änderte den Kurs und räumte uns noch eine halbe Stunde mit unseren Handys und Laptops für das Routing ein. Unser Laptop war leer, also haben wir das in zehn Minuten auf dem Handy erledigt, bis wir sie wieder abgeben mussten. Die Strategie war klar: weit nach Westen, auf der sichersten Route, das Boot heil ans Ziel bringen und Qualimeilen sammeln. Statt von Riva di Traiano nach Lipari und zurück ging es nun nach Ustica im Nordwesten von Sizilien und zurück. Schon an der Startlinie gaben aufgrund der Wettervorhersage von bis zu 50 kn und 5 m maximaler Welle die Hälfte des Regattafeldes auf. Wir starteten trotzdem und versuchten, den Sturm im Westen zu umfahren.
Der Start selbst war wunderschön. Auf dem Weg zur ersten Tonne haben uns mehrere Delfinschulen begleitet. Nach eher leichtem Wind mit einigen Flauten, in denen wir uns schneller als erwartet nach Westen bewegten, wurden wir in der zweiten Nacht durch den Druck, der sich zwischen Sardinien und Sizilien durchdrückte, überrascht. Wellen bis viereinhalb Meter, Windspitzen um 35 Knoten, nachts Gewitter.
Kein Wettermodell hatte dies vorhergesagt, und da in der Classmini jeglicher Kontakt ans Festland bis auf Funk untersagt ist, also kein Handy, kein Internet und kein Wetterbericht unterwegs, hatten wir keine Ahnung, dass sich der Wind nun nicht mehr nur zwischen Festland und Sizilien, sondern auch zwischen Sardinien und Sizilien durchdrückte.
Das Begleitboot fiel früh aus, und damit auch jeglicher Kontakt mit der Rennleitung. Drei bis vier Tage lang haben wir keinen anderen Konkurrenten gesehen.
Nach 35 Stunden harten kreuzens bei 25–35 kn und Wellen von 2,5–4,5 Metern rundeten wir unseren Waypoint, die Insel Ustica.
Zieleinlauf im Gewitter
Auf den letzten 100 Kilometern gerieten wir in ein sehr geladenes Wettersystem. Zweimal Wind auf null, zweimal im Herzen eines großen Mittelmeergewitters. Die Gewitter jagten uns besonders Angst ein. Unser Masttop summte vor Spannung in der Luft, und die Blitze schlugen keine 50 Meter entfernt ein. Die Bordelektronik musste komplett ausgeschaltet werden und fing danach an, bis zum Zieleinlauf zu spinnen. Inzwischen lauft wieder alles.
Wir sind als Erster in der Wertung ins Ziel gekommen, im Mittelfeld der Gesamtwertung. Das Boot ist heil, die Meilen für meine Qualifikation sind gesammelt. Für eine erste Offshore-Regatta unter diesen Bedingungen bin ich mehr als zufrieden, die Lernkurve, vor allem was Wetterrouting und Regattavorbereitung angeht, war sehr steil. Auch im Team mit Juliane hat es mehr als gut geklappt. Es war unsere erste Regatta zusammen, und ohne gute Stimmung an Bord wäre es bei diesen Bedingungen schnell zur Qual geworden.
Nächste Stationen stehen bereits fest. Es geht weiter nach Genua und dann mit kurzer Pause um weitere Sponsoren für die Kampagne zu suchen zur ersten 540-sm-Soloregatta. Der Weg zur Mini Transat 2027 geht weiter.

Jannes Llull
www.llullracing.com