
Mit jedem Törn lernt man dazu. Unter diesem Motto fand am verlängerten Wochenende um den 1. Mai in diesem Jahr ein Törn mit Trainingsmöglichkeiten für verschiedene Manöver statt. Dirk nahm die Organisation in die Hand, charterte ein Schiff und übernahm die Verantwortung als Skipper. Mit dabei waren Vicky, Karl, der in früheren Jahren der Skipper war, Jutta, die sich schon länger in den Niederlanden aufhielt und die kürzeste Anreise hatte, und ich, Harald, der noch recht frisch im Verein ist, aber immerhin alle Sportbootführerscheine und einige Törnerfahrung als Mitsegler im Gepäck hat.
Ich musste am Mittwoch noch arbeiten und kam als letzter am Starthafen in Sint-Annaland an — aber immerhin noch bei Tageslicht. So konnte ich das Boot schon etwas inspizieren. Es war eine Dufour 360 mit dem Namen Jacuzzi. Sie ist mit drei Kabinen recht geräumig. An Besonderheiten sind zu erwähnen die Selbstwendefock und die besondere Art, die Großschot zu fahren: Sie läuft vom Heck an Steuerbord über eine Umlenkrolle, die als Fußblock fungiert auf der Backbordseite ins Heck zurück. Sie kann also von beiden Seiten aus bedient werden. Für mich neu war auch das Fahren mit zwei Steuerrädern zur Auswahl — je nachdem, wo man gerade besser sieht.
Da alle außer mir mindestens den SKS als Schein aufweisen konnten, hielt ich mich mit der Planung der Etappen etwas zurück und richtete mir erstmal die Koje ein. Am nächsten morgen war meine innere Uhr noch am Laufen und ich war um 6 Uhr wach. So habe ich einen Rundgang durch Sint-Annaland gemacht, festgestellt, dass der Bäcker erst um 8 aufmacht und einen herrlichen Sonnenaufgang gesehen.


Nach dem Frühstück wurden die Formalia mit dem Vercharterer „Enjoy Sailing“ geregelt. Es waren noch Karten zu bekommen und Kleinigkeiten zu reparieren, dann nochmal die Leinen durchzugehen, die leider nicht beschriftet waren. Gegen 11.30 Uhr legten wir endlich ab und nahmen Kurs auf Browershaven. Zunächst ging es mit achterlichem nach Westen bis wir auf der Hauptschifffahrtsroute zwischen Rotterdam und Antwerpen nordwärts schwenkten und schließlich bei Bruinisse durch die Schleuse ins Grevelingenmeer fuhren.
Anlegen bei Ostwind – Geduld am Schleusenanleger
Beim Schleusenanleger machte uns dann der Ostwind doch etwas zu schaffen — das Heck wurde zweimal vom Kai weggedrückt und wir kamen erst beim dritten Versuch und mit Hilfe von Land an diesem fest.
Das Grevelingenmeer ist eingedeicht, so dass hier keine Tide mehr zu beachten ist. Hier habe ich dann das Ruder übernommen und brav am Tonnenstrich entlang bis kurz vor Browershaven gesteuert. Bei Windstärke 3–4 ist doch der Versatz durch Wind nicht ganz außer Acht zu lassen. Auf Raumschotkurs kommen wir gut voran, wenn der Wind es zuließ, haben wir einen Versuch im Schmetterling gemacht. Hierbei wurden uns einige Besonderheiten der Takelung klar und forderten zum Teil kreative Lösungen. Am Baum musste erst ein Seil am Ende angebracht werden, um einen Bullenstander zu befestigen. Das macht sich nur, wenn er in der Halse gerade dicht geholt ist. Die Selbstwendefock lässt sich nicht back halten. Ein echtes Manko, denn auch ein Beidrehen ist so nicht möglich.


Zur Einfahrt in den engen Hafen habe ich dann gern das Ruder abgegeben. Jutta hatte mehrere Gelegenheiten, das Anlegen zu üben, denn die von uns ausgesuchten Liegeplätze waren dann doch nicht für Gäste vorgesehen. Schließlich mussten wir rückwärts in den letzten Teil des Hafens einfahren, da es Vorschrift war, mit dem Bug zur Ausfahrt zu liegen. Genau eine Anlegestelle war noch frei, in die wir es hineinschafften.
Viele Kapitäne, wenige Matrosen
Mein Fazit vom ersten Tag war: Es sind zu viele Skipper und zu wenige Matrosen an Bord. Es ist nicht wirklich hilfreich, wenn dir mehrere Leute gleichzeitig Anweisungen geben, die sich dann auch noch widersprechen, auch wenn alle Anweisungen für sich genommen sinnvoll sind. Dagegen kamen Rückmeldungen auf Kommandos, wie etwa „ist klar!“ nur spärlich beim Bootsführer an. Eine Crew muss sich halt erst finden — und es wurde mit jedem Tag besser.
Nach einem Rundgang durch Browershaven speisten wir im „Restaurant La Plaisanterie“. Es gab ein Drei-Gänge-Menü und wir waren wirklich überwältigt: jeder Gang war eine echte Komposition — und dazu noch reichlich bemessen. Und das für 28 EUR ist eine dicke Empfehlung wert!


Das abendliche Studium der Seekarten brachte unter anderem die Erkenntnis, dass die Schleuse zur Nordsee nur für Fische und nicht für Schiffe ist. Damit fiel die Alternative, ein Stück über die Nordsee zu fahren, weg und wir planten den Weg zurück durch die Schleuse bei Bruinisse. Hennes vom WSV hatte angeboten, uns in Middelburg oder Veere zu treffen. Bei den vorhergesagten schwächeren Winden war aber nicht sicher, ob wir es bis dorthin schaffen würden.
Am Freitag gab es Frühstück an Bord. Dank Karls Vorab-Einkauf in Deutschland war hierfür und für die Zwischenmahlzeiten alles vorhanden und wir konnten zeitig ablegen. Ich meldete mich für das Ablegen aus der Lücke. Wir diskutierten verschiedene Varianten untereinander und mit den Nachbarn. Schließlich entschieden wir uns für das Eindampfen in die Achterleine. Mit Ruderlegen steuerbords drehte der Bug schön nach Backbord raus und wir konnten bequem vorwärts ausfahren. Draußen den Bug in den Wind, die Lappen hoch, schauen wie die anderen Segler fahren und wie viele Wenden auf dem Kreuzkurs zur Schleuse nötig sind. Diese war stärker frequentiert als am Vortag. Wir kamen aber noch mit einem Schwung herein und machten im Päckchen an einer großen Motoryacht mit freundlichem Skipper fest.
Aus 30 Minuten werden 90
Tatsächlich reichte der Wind aber nicht, um uns ins Veerse Meer zu bringen und so steuerten wir Zierikzee an. Vorher mussten wir durch die Zeeland-Brücke. Wir sahen sie von weitem sich öffnen und schließen. Bequem dachten wir in einer halben Stunde zur nächsten Öffnung dort zu sein. Wir waren um 16.25 Uhr fast da, sahen sie sich öffnen und — bevor wir ganz da waren — wieder schließen. Wir wollten die nächste halbe Stunde dann mal nutzen für Übungen unter Motor: Wenden auf engem Raum, rückwärtsfahren, wieviel Fahrt braucht es, um sich manövrierbar zu bleiben, wie stark macht sich Radeffekt bemerkbar etc. Leider dauerte diese halbe Stunde 90 Minuten, denn wochentags fielen die Öffnungen bis 17.55 Uhr aus. Der Feierabendverkehr der Autos hat da wohl Priorität.
Der Hafen von Zierikzee sollte etwas geräumiger sein und so wollte ich mein Glück beim Anlegen versuchen. Die Anweisung des Hafenmeisters war: Am Steg ist kein Platz, wir können uns bei einem Boot gleicher Größe ins Päckchen legen. Wir fuhren also in der Kolonne der Schiffe, die vorher auf die Brückenöffnung gewartet hatten, in den Hafenkanal und einmal bis ans Ende. Jetzt konnte ich gleich das ausführlich geübte Wenden auf engem Raum anwenden. Beim Ansteuern der „Parklücke“ brauchte ich doch noch etwas Hilfe von Dirk, aber wir sind doch sauber angekommen.


Zum Abendessen waren wir im „Gran Cafe De Werf“. Das kam zwar an die Völlerei des Vorabends nicht heran, war aber auch sehr lecker. Hennes hat sich dann sogar auf den Weg nach Zierikzee gemacht und den Abend im Café und an Bord mit uns verbracht. Es gab gute Gespräche, besonders der Bericht über seine Erlebnisse im Einsatz für Seenotrettung im Mittelmeer mit dem Segelschiff „Nadir“ hat mich sehr berührt.
Am nächsten Morgen wollten wir nochmal verschiedene Anlegemanöver üben: Aus dem Päckchen ging’s los, an die Tankstelle mussten wir sowieso und weiter hinten waren dann auch Plätze zwischen Dalben frei. Diese Variante klappte nicht ganz so glatt, ich kam mit dem geführten Ring nicht klar, der den Tidenhub ausgleicht, und habe dabei meine Brille versenkt. Besonders ärgerlich, da ich extra ein Band dafür besorgt hatte, es aber noch an der Sonnenbrille war. Ich lerne und lerne.
ROB-Manöver üben – die Pfingstrose macht Probleme
Danach hatten wir und die Anlieger genug vom Üben und wir nahmen Kurs auf Yerseke. Diesmal hatten wir mehr Glück mit der Zeeland-Brücke und kamen zügig durch. Gegen Mittag schlief der Wind ein und wir mussten etwas motoren. Am frühen Nachmittag kam er wieder und da wir schon fast am Ziel waren, übten alle noch das klassische ROB (Rose über Bord)-Manöver. Meine Erkenntnis aus dem ersten Versuch: Auch bei diesem Manöver muss man die Segelstellung ändern, wenn man den Kurs ändert. Im zweiten Anlauf konnten wir die schwimmende Pfingstrose an Bord holen. Welch Wunder, sie flog gleich wieder ins Wasser und der nächste durfte üben. Nach mehreren Runden kam uns plötzlich eine grüne Tonne bedrohlich nahe und wir konnten den nicht unerheblichen Tidenstrom deutlich sehen. Karl startete kurz entschlossen den Motor und brachte uns sicher vorbei.


In Yerseke sollte für mich der Törn zu Ende gehen. Während die anderen in der Austern-Hochburg Yerseke sicher wieder ein leckeres Restaurant fanden, holte ich mein Auto per Fuß, Zug und Bus aus Sint-Annaland. Am Sonntagabend wartete ein „Vorglühen“ zu Lindis 80. Geburtstag in der Alten Oper auf mich, das hätte ich sonst nicht geschafft. Ich blieb noch über Nacht an Bord und verabschiedete mich am nächsten Morgen.
Alles in Allem kann ich sagen: ich habe wieder eine Menge gelernt und: Ich würde es wieder tun! Danke Dirk für die Organisation, danke Karl für den Einkauf und die Erfahrung, danke Jutta dein fantastisches Gespür für erstklassige Restaurants, danke Vicky für die gute Stimmung und das Lob, wenn etwas gelingt. Ich freue mich auf das nächste Mal!
Text & Bilder: Harald Hoffmann