Jannes Llull ist 20, segelt seit seiner Kindheit im Wassersportverein Schierstein 1921. Jetzt qualifiziert er sich für die Mini Transat 2027, ein Solorennen von Frankreich in die Karibik:
Im Mai habe ich meine 1000 Seemeilen Qualifikation, die mit zum Qualifikationsprozess gehört, im Mittelmeer abgeschlossen. Vier Tage vor meinem ersten Solostart kam die Absage. Die Veranstalter hatten vergessen GPS-Tracker zu organisieren. Zehn Boote aus ganz Europa standen in Genua und hatten plötzlich nichts vor. Ich habe drei Tage gebraucht, um daraus etwas zu machen: Route bei der Classe Mini beantragen, Proviant aufstocken, Plan umstellen. Das 1000-Seemeilen-Qualifying für die Mini Transat — solo, non-stop, ohne Hafenanlauf — war eigentlich für später geplant. Jetzt war die Zeit da. Bestätigung kam morgens, mittags bin ich losgefahren.

Die Route ging von Genua die italienische Küste runter, rüber nach Korsika, hoch zum Cap Corse, dann raus nach Mallorca, von dort an der spanischen Küste entlang durch den Golf du Lion, um eine Tonne bei Sète und schließlich zurück nach Sanary-sur-Mer, wo mein Boot liegt. Das klingt nach einer schönen Mittelmeerrunde. War es auch — zwischendurch. Die ersten drei Tage: viel Flaute, gute Laune, zu viel Proviant. Ich hatte für eine Regatta gepackt, nicht für einen langen Solotrip, und das Boot war randvoll. Eier, ein Eimer Obst, Snacks, dazu ein loses GPS, Laufsachen und allerlei Kram, der eigentlich an Land bleiben sollte.
Ein ungeplanter Ankerstopp
Hinter dem Cap Corse kam der erste Dämpfer. Vorhersage: 20 bis 25 Knoten. Realität: 25 mit Böen bis 35, dazu Gegenströmung und eine steile, kurze Hackwelle, die ich in der Form noch nicht gesehen hatte. Und dann: ein USB-Kabel nass, Kurzschluss, nichts lädt mehr. Kein Barometer, kein Wetterbericht, keine Stirnlampe, kein Handy. 850 Seemeilen vor mir. Ich bin umgedreht, habe hinter dem Cap geankert und versucht das zu reparieren. Was ich im Halbschlaf nicht gemerkt habe: Ich habe Teflon-Spray statt Kontakt-Spray auf alle Stecker gesprüht. Beide Dosen weiß, beide ähnlich. Das fällt einem auf, wenn zwei Tage später ein weißer Film über allem ist. 20 Stunden vor Anker. Das war mental die härteste Phase. Nicht wegen des Kabels — sondern wegen der Routings, die plötzlich von neun auf vierzehn, fünfzehn Tage gesprungen waren, weil ich das Wetterfenster nach Mallorca verpasst hatte. Der Hafen lag fünfzig Meter entfernt. Ich war kurz davor, einfach reinzufahren. Stattdessen habe ich das Kabel irgendwie wieder zum Laufen gebracht, alles aufgeladen und bin weitergesegelt. Was folgte, waren zwei Tage mit 0,7 Knoten Wind, 60 Seemeilen in 48 Stunden, kein Boot in Sicht. Ich habe die Fock geflickt, das Cockpit foliert, den Spisack repariert. Wenn man nicht segeln kann, werkelt man eben.
Momente, die bleiben
Dann, auf der Höhe Sardiniens, kam der Wind zurück. 36 Stunden Spinnaker, Thunfische, Barracudas, Schildkröten, ein Schwertfisch, der neben dem Bug springt. Und kurz vor Mallorca: ich tauche unter mein eigenes Boot, weil ein Metalllöffel sich in der Kielbox verkeilt hatte und seit Tagen an meinem Kiel vibriert hat. Mitten im Mittelmeer, blau bis auf den Grund, mein Boot über mir. So eine Situation plant man nicht — aber vergessen tut man sie auch nicht. Auf Höhe der spanischen Küste sehe ich Finnwale. Kurz nach Sonnenuntergang, Spinnaker, Gegenlichtstimmung — eine Wasserfontäne direkt vor der Sonne. Das war der Moment des ganzen Törns. Kurz danach fahre ich versehentlich auf einen Strand. Eingeschlafen, Wecker nicht gehört, Wind eingeschlafen. Das Boot dreht sich durch den gekanteten Kiel automatisch und treibt wieder raus. Neben mir badet ein älterer Herr, der mich kurz anschaut und dann einfach weitermacht. Ich auch. Die letzten hundert Seemeilen: kein Westwind wie vorhergesagt, stattdessen ständig drehende, thermische Winde, alle zwei Stunden ein anderer Kurs. Alle Segel irgendwann oben. Kaum vorwärtskommen. Am Morgen des 29. Mai laufe ich in Sanary ein. 14 Tage, 1170 Seemeilen, 3,7 Knoten Durchschnitt. Qualifier bestanden. Was ich mitgenommen habe: Einsamkeit kann man lernen. Und die Zeit ohne Handyempfang — fünf Tage zwischen Korsika und Minorca, zweieinhalb zwischen Mallorca und Spanien — war die ruhigste des ganzen Törns. Man segelt, das Wetter wird, wie es wird, und man hört auf, sich über Routings aufzuregen, die sowieso nicht stimmen. Die Mini Transat 2027 kommt. Ich freu mich drauf.
Text & Bild: Jannes Llull