Die 33. Hessenregatta mit der io, Startnummer 33 — Ein völlig subjektiver Bericht von Jochen Heinz

Am 17. Mai des Jahres war es soweit. Wir woll­ten zum wieder­holten Mal zur Hes­sen­re­gat­ta starten. Wir, das waren Basti, Andreas und ich, rel­a­tiv wenig schon ältere Hände für unsere ältere Luffe 40 mit gefühlt tausend Schnürchen zum zubbeln, Back- und Check­sta­gen am altertüm­lichen 7/8‑Rigg, vier Vorsegeln und zwei Spis, von denen wir inständig hofften diese nicht unter­wegs wech­seln zu müssen. Das mit der Start­num­mer war ehrlich Zufall, und diese von innen auch pri­ma zu lesen.

Wir stam­men alle nicht aus Kiel, ich komme z.B. aus dem Süd­west­en, wohnen aber seit Jahren in Kiel oder Umland und segeln schon lange ab und zu zusam­men. Für die Über­führung von Kiel / Möl­tenort nach Fehmarn waren ca. 30kt Wind und eigentlich mit etwas Glück trock­enes Wet­ter vorherge­sagt, keine Schwiegermut­ter­brise, aber mit Wind von hin­ten auch kein Prob­lem nur mit Fock. Das Boot war nach dem Win­ter ger­ade fer­tig gewor­den, neuer Wind, Navi, usw. und wir wussten nicht, ob über­haupt alles funk­tion­iert, noch war nix kalib­ri­ert, aus­pro­biert. So ca. 1 Stunde raus aus der Förde wurde es sehr böig und hin­ter uns wurde es dunkel. Da der Wind ja auch von hin­ten kam, kam das Dunkel auch zu uns, heftige Regen- und Hagelschauer, Böen bis 40kt, Tem­per­atur auf 8°C fal­l­end, Sichtweite so etwa 50m. Das hat­ten wir so nicht gebucht. Der gemessene Wind am Leucht­turm waren max. 44kt, also der Windmess­er zeigte offen­bar ganz o.k. an. Später wurde es etwas ruhiger aber wir liefen zeitweise nur unter G3 über 10kt. Ein Hauch von Nor­dat­lantik in der beschaulichen Kiel­er Bucht. Der näch­ste Span­nungsmo­ment war die Unter­querung der Fehmarn­sund­brücke. Let­ztes Jahr hat­te es noch gepasst, der krach­neue Plot­ter sagte jedoch 18 m an, bei 19,5 m Mas­thöhe mit Funke. Sollte die Deutsche Bahn seit let­ztem Jahr was gefum­melt haben? Der DB ist ja alles zuzu­trauen aber ein Bah­n­jahr ist ja eigentlich sowas wie ein Men­schen­tag (also natür­lich kein ganz­er). Sollte auch diese Gewis­sheit Geschichte sein? Außen­rum war keine Option, also ad hoc Entschei­dung kurz vor der Brücke. Dies­mal gab es bei Wind und Welle von hin­ten plus Strom und kein Durch­tas­ten wie son­st… Aus der Nähe sah alles aus wie im let­zten Som­mer (dacht ichs doch!), der Pegel zeigte 22m minus was auch immer für das Gerüst, also Augen auf und durch. Basti und Andreas weigerten sich unter Deck zu gehen (eigentlich macht nie jemand was ich sage) und woll­ten, dass wenn schon, wir gemein­sam ster­ben soll­ten… Nach unser­er Beobach­tung war es etwa noch ein hal­ber Meter, kann man aber von unten schlecht sehen. Das näch­ste Mal ziehen wir einen hoch! (Nein, nur Spaß…, aber inter­essieren würde es mich schon). Wir dreht­en dann noch ein paar Kalib­rierungskreise vor Burgtiefe, check­ten ein und genossen mit­ge­bracht­es Aben­dessen sowie Kalt­getränke, die auch ohne Kühlschrank eiskalt gewe­sen wären. Danach hätte man wieder nach Hause fahren kön­nen, aber wir woll­ten ja Regat­ta segeln…

1. Wettfahrt: Fehmarn nach Gedser

Eine Stunde früher starten wegen befürchteter Flaute. Eigentlich grausam, da es aber eh bit­terkalt war, sind wir sowieso sehr früh vom Zäh­neklap­pern aufgewacht. Wir starten in der 4. Start­gruppe, also 30 min nach den anderen und nutzen das auch immer bis fast zum Schluss aus, haben es trotz­dem wie immer rechtzeit­ig zum Start geschafft und auch das Groß, das ja zum ersten Mal hochging und die G1 auf die wir gewech­selt hat­ten, weil spitze Reachkurse zu erwarten waren, liefen klar. Nur der Spibaum war aku­rat in die Lazy­jacks eingetüdelt und musste unter­wegs müh­sam klar­i­ert wer­den. Andreas fährt unsere Starts, er hat ein Händ­chen dafür und so sind wir als erste über die Lin­ie. Die meis­ten haben direkt den Spi gezo­gen, wir nicht, da wir direkt unter der Küste waren und nicht abfall­en kon­nten. Für uns war der Kurs zu spitz. Trotz­dem haben wir kaum ver­loren und nach Staber­huk war es auch für uns soweit, unser klein­er Spi, per­fekt von unserem Vorschif­f­gott Basti mit dop­pel­ten Schoten angetüdelt, ging hoch. Wir sind dann etwas abge­fall­en und deut­lich in Lee des Feldes gefahren, hat­ten dort aber den besseren Speed (bei etwa 12kt bis 17 kt wahrem Wind und ca. 70° schein­barem Wind ein wahrer Ritt am Lim­it) und nur 3 Son­nen­schüsse (wir hörten später, andere Booten hat­ten bis zu etwa 20 mal das Vergnü­gen). Als der Wind schließlich nach­ließ und etwas raumte, fuhren wir wieder ins Feld zurück und hat­ten plöt­zlich nur noch 3 Boote vor uns. Mit zweien gab es dann noch frucht­lose Luvkämpfe, die nur dem Führen­den was bracht­en und kon­nten dann als zweites Boot und der zweit­en berech­neten Zeit vom Feld durch Ziel, viel bess­er als erhofft und wichtig, weil wir in Gedser einen der begehrten Liege­plätze längs­seits direkt mit ein­er Steck­dose kriegten. Son­st wichtig für den Kühlschrank, dies­mal wichtig für den Heizlüfter.

Luffe 40 auf der 1. Wettfahrt der Hessenregatta 2026

Das Grillen in Gedser ist immer toll, man kriegt zwar so schnell wegen aus­ge­buchter Grills nix zu fut­tern, es ist aber super kom­mu­nika­tiv. Dies­mal mussten wir aber eh warten, weil Andreas, der schon länger als Vor­sitzen­der des Schieds­gericht­es fungiert, noch einen Protest ver­han­deln musste. Das zugrunde liegende Missver­ständ­nis kon­nte zur Zufrieden­heit aller aufgek­lärt wer­den und Basti zu unser­er Zufrieden­heit der­weil einen Platz auf einem Grill erkämpfen. …und satt sind wir am Ende auch noch geworden.

2. Wettfahrt: Gedser nach Warnemünde

Das wurde ein richtig schön­er Segelt­ag. Es ging mit viel Sonne und mit gutem, etwa halbem Wind auf die 40 Meilen, wobei wir das Verkehrstren­nungs­ge­bi­et vor Ros­tock weiträu­mig umfahren. Andreas machte seinen Job, wir gewan­nen den Start und ließen den Spi unten, was bedeutete, dass wir gefühlt schneller waren, bzw. direk­ter fahren kon­nten als der Rest. Mir tat eh noch der Arm vom Tag vorher weh (Die Luffe hat Pinne und da kann unter Spi ordentlich Druck entste­hen) und so deck­ten sich Bequem­lichkeit und Speed. Blöd nur, dass das nicht immer so ist, wie wir zum Schluss noch erfahren soll­ten. So fuhren wir also wieder durchs Feld, hiel­ten uns aus Schar­mützeln raus und führten eine ganze Weile, bis es vor Ros­tock böig wurde, der Wind ständig drehte und wir schließlich eine astreine Kreuz hat­ten. Wir erwis­cht­en manche Dreher nicht richtig und fuhren die Schläge zu weit aus, sodass wir vor dem Ziel noch über­holt wur­den und wieder als zweite durchs Ziel fuhren. Den Ersten kon­nten wir zwar berech­net hin­ter uns lassen, wur­den aber eben­so berech­net noch von einem hin­teren Boot über­holt, sodass es wieder der zweite Platz berech­net über alles wurde. Das war zwar schön, woll­ten wir aber eigentlich ver­mei­den, weil es uns für die let­zten Ren­nen unter Druck set­zte. Irgend­was ist ja bekan­ntlich immer, und jam­mern gehört dazu.

3. Wettfahrt: Warnemünde mit Kinken nach Kühlungsborn

Klingt etwas kryp­tisch, wurde aber eh wegen Flaute abge­sagt und wir ver­holten uns unter Motor nach Küh­lungs­born. Dort haben wir dann, soweit ich mich erin­nern kann, im wesentlichen unseren Flüs­sigkeitsspiegel aufge­frischt und, hochwillkom­men, geschlafen.

4. Wettfahrt: Kühlungsborn nach Grömitz

Die Sonne schien nicht ganz so schön, aber es wurde ein inter­es­san­ter Segelt­ag. Zunächst hat Andreas den Start nicht versem­melt, aber wir mussten auswe­ichen und haben dabei unseren schärf­sten Geg­n­er, das gesamt­führende Boot etwas behin­dert. Wir sind dann ver­spätet über die Lin­ie, haben etwas gewartet und dann gekringelt um uns zu ent­las­ten. War nur fair. Damit waren wir zunächst mal weit­er hin­ten, sind unter Land geblieben und kon­nten bis zur Ecke in die Lübeck­er Bucht schon wieder etwas auf­holen. Dort haben wir auf mehr Wind gehofft, was zumin­d­est einge­bildet auch einge­treten ist. Wir sind dann mit gutem Wind und Speed den direk­ten Weg zur Tonne gefahren, wo auch eine Zeit­nahme stat­tfand, falls wir später in die Flaute fahren soll­ten. Danach haben wir den direk­testen Weg zur Tonne gesucht und kon­nten dabei wieder etliche Boote über­holen. Blöder­weise luvte der Wind wieder und wir hat­ten einen Amwind­kurs. Und am Hor­i­zont wurde es dunkel… 

Wir fuhren eine mod­er­ate Hun­dekurve in der Hoff­nung die Höhe noch gebrauchen zu kön­nen und wun­derten uns über Boote, die sich weit nach Lee unter Land fall­en ließen, um unter Gen­nack­er oder Spi bleiben zu kön­nen. Die Schütte kam, kaum Sicht und einige knack­ige Böen. Wir lagen auf der Backe und der Wind drehte so weit, dass wir ca. 60°-70° vom Zielkurs abfall­en mussten. Wir woll­ten aber die Ner­ven behal­ten und auf den Rück­dreher warten, was nicht ein­fach war, zumal die meis­ten Boote hin­ter uns wen­de­ten und Höhe holten (kon­nte man im AIS gut sehen). Kurz darauf drehte der Wind zurück, back­te ab und zog uns zurück ins Ziel, ohne Manöver. Glück gehabt! Jeden­falls waren wir auf dieser Etappe mit rel­a­tiv großem Abstand als erstes Schiff im Ziel und auch berech­net ganz vorne. Der Lohn der Angst: Gutes Gefühl!

5. Wettfahrt: Grömitz nach Burgstaaken und Abschlussfeier

Die 4. Etappe hat­te unsere Posi­tion nicht ver­schlechtert und so kam es auf die let­zte Runde an: Rel­a­tiv platt, bei rel­a­tiv wenig Wind bis Fehmarn. Andreas fand am Start zu alter Stärke und wir set­zten den großen, leicht­en Spi, dem man sein Alter von 35 Jahren doch lei­der schon ansieht. Aber wie man tre­f­fend sagt: ‚wie der Herr, so‘s Gescherr‘. Wir fuhren auch platt und kreuzten nicht vor dem Wind, das spart Arbeit, Halsen und fuck-up. An der Tonne ‚Schwarz­er-Grund‘ wurde es etwas eng, da es wegen Zeit­nahme wieder ein Gate von nur 3 Boot­slän­gen gab…, wir über­liefen die Tonne und hal­sten in Ruhe, ver­loren nicht viel. Bis kurz vor Fehmarn hat­ten wir aber noch viele Boote vor uns. Der Wind nahm schnell zu und drehte nach vorn, sodass wir den Spi ger­ade noch rechtzeit­ig run­ter­nah­men, als er schon etlich­es Wass­er geschaufelt hat­te und das Boot kaum noch zu hal­ten war. Dann hat­ten wir Amwind, Dreher, Flaute. Wir ver­sucht­en aufmerk­sam zu segeln, kamen ganz gut durch und waren 4. Boot im Ziel und 3. berech­net. Wir waren hap­py, aber überzeugt, dass es zumin­d­est für die Gesamtwer­tung nicht gere­icht hat­te. Die Abschlußver­anstal­tung war wie immer toll, die Organ­i­sa­tion hat per­fekt geklappt, wie immer war es ärg­er­lich, dass man nicht für zwei Wochen im Voraus essen kann und wir waren freudig über­rascht, dass es klar zur Hes­sen­meis­ter­schaft und zum 2. Platz in der Gruppe und denkbar knapp doch zum Gesamt­sieg über alles gere­icht hat. Wer mehr erfahren möchte find­et einiges im Netz unter manage2sail und auf der Web­site der Hes­sen­re­gat­ta. Was aber noch bemerkenswert­er ist: in der Teamw­er­tung, dem Hessen­cup, in der wir mit ein­er Ren­nge­mein­schaft und unserem Teamkam­er­aden Peter von der ‚Nice to have‘ von unserem Club und Ortwin vom Segel- und Rud­er­club Aar­tal ange­treten sind, sind nur denkbar knapp hin­ter Rüs­selsheim auf Platz 2 gelandet!

Das Fazit

Eine wirk­lich schöne Ver­anstal­tung mit ein­er sportlichen Qual­ität, bei dem aber auch ‚dabei sein ist alles‘ so viel zählt wir eine vordere Platzierung, vie­len schö­nen Gesprächen im Hafen und je nach Wet­ter auch etwas, an das man sich lange pos­i­tiv zurück­erin­nern kann. Auch kon­nten wir unsere Segelk­lam­ot­ten, inklu­sive mehrerer warmer Schicht­en und Stiefel art­gerecht aus­führen. Wir nehmen jeden­falls einiges mit und ich denke das geht den Meis­ten eben­falls so. Eine klare Empfehlung mit Dau­men hoch! Abschließend noch zwei Kuriositäten am Rande: Wirk­lich gruselig war es, die Funksprüche des rus­sis­chen Zer­stör­ers vor Fehmarn mitzuhören, der offen­bar Sport­booten dro­hte diese in ‚self-defence‘ unter Feuer zu nehmen. Die entsprechende Aufre­gung war groß. Einen interkul­turellen Kon­flikt ander­er Art hätte fast der Mar­ket­ing-Chef von Fehmarn, der stolz eine Kiste Wein aus dem befre­un­de­ten Gau-Bick­el­heim über­re­ichte und augen­schein­lich noch nix von ‚de ebsch Seit‘ gehört hat­te, her­auf­beschworen. Der Applaus fiel entsprechend spär­lich aus, aber die Rhein­gauer sind ja für ihre feinsin­nige Tol­er­anz wei­thin bekan­nt. …Und zurück nach Kiel hat es unter der Brücke auch wieder gere­icht. Langsam glaube ich, das hat Sys­tem. Hof­fen wir nur, dass die Bahn nicht plöt­zlich meint dynamisch wer­den zu müssen… Obwohl: den Bah­n­reisenden, die zur näch­sten Hes­sen­re­gat­ta mit dem Zug kom­men, wäre es ja zu wünschen….

Text: Jochen Heinz

Bilder: Hes­sen­re­gat­ta 2026

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