
Am 17. Mai des Jahres war es soweit. Wir wollten zum wiederholten Mal zur Hessenregatta starten. Wir, das waren Basti, Andreas und ich, relativ wenig schon ältere Hände für unsere ältere Luffe 40 mit gefühlt tausend Schnürchen zum zubbeln, Back- und Checkstagen am altertümlichen 7/8‑Rigg, vier Vorsegeln und zwei Spis, von denen wir inständig hofften diese nicht unterwegs wechseln zu müssen. Das mit der Startnummer war ehrlich Zufall, und diese von innen auch prima zu lesen.
Wir stammen alle nicht aus Kiel, ich komme z.B. aus dem Südwesten, wohnen aber seit Jahren in Kiel oder Umland und segeln schon lange ab und zu zusammen. Für die Überführung von Kiel / Möltenort nach Fehmarn waren ca. 30kt Wind und eigentlich mit etwas Glück trockenes Wetter vorhergesagt, keine Schwiegermutterbrise, aber mit Wind von hinten auch kein Problem nur mit Fock. Das Boot war nach dem Winter gerade fertig geworden, neuer Wind, Navi, usw. und wir wussten nicht, ob überhaupt alles funktioniert, noch war nix kalibriert, ausprobiert. So ca. 1 Stunde raus aus der Förde wurde es sehr böig und hinter uns wurde es dunkel. Da der Wind ja auch von hinten kam, kam das Dunkel auch zu uns, heftige Regen- und Hagelschauer, Böen bis 40kt, Temperatur auf 8°C fallend, Sichtweite so etwa 50m. Das hatten wir so nicht gebucht. Der gemessene Wind am Leuchtturm waren max. 44kt, also der Windmesser zeigte offenbar ganz o.k. an. Später wurde es etwas ruhiger aber wir liefen zeitweise nur unter G3 über 10kt. Ein Hauch von Nordatlantik in der beschaulichen Kieler Bucht. Der nächste Spannungsmoment war die Unterquerung der Fehmarnsundbrücke. Letztes Jahr hatte es noch gepasst, der krachneue Plotter sagte jedoch 18 m an, bei 19,5 m Masthöhe mit Funke. Sollte die Deutsche Bahn seit letztem Jahr was gefummelt haben? Der DB ist ja alles zuzutrauen aber ein Bahnjahr ist ja eigentlich sowas wie ein Menschentag (also natürlich kein ganzer). Sollte auch diese Gewissheit Geschichte sein? Außenrum war keine Option, also ad hoc Entscheidung kurz vor der Brücke. Diesmal gab es bei Wind und Welle von hinten plus Strom und kein Durchtasten wie sonst… Aus der Nähe sah alles aus wie im letzten Sommer (dacht ichs doch!), der Pegel zeigte 22m minus was auch immer für das Gerüst, also Augen auf und durch. Basti und Andreas weigerten sich unter Deck zu gehen (eigentlich macht nie jemand was ich sage) und wollten, dass wenn schon, wir gemeinsam sterben sollten… Nach unserer Beobachtung war es etwa noch ein halber Meter, kann man aber von unten schlecht sehen. Das nächste Mal ziehen wir einen hoch! (Nein, nur Spaß…, aber interessieren würde es mich schon). Wir drehten dann noch ein paar Kalibrierungskreise vor Burgtiefe, checkten ein und genossen mitgebrachtes Abendessen sowie Kaltgetränke, die auch ohne Kühlschrank eiskalt gewesen wären. Danach hätte man wieder nach Hause fahren können, aber wir wollten ja Regatta segeln…
1. Wettfahrt: Fehmarn nach Gedser
Eine Stunde früher starten wegen befürchteter Flaute. Eigentlich grausam, da es aber eh bitterkalt war, sind wir sowieso sehr früh vom Zähneklappern aufgewacht. Wir starten in der 4. Startgruppe, also 30 min nach den anderen und nutzen das auch immer bis fast zum Schluss aus, haben es trotzdem wie immer rechtzeitig zum Start geschafft und auch das Groß, das ja zum ersten Mal hochging und die G1 auf die wir gewechselt hatten, weil spitze Reachkurse zu erwarten waren, liefen klar. Nur der Spibaum war akurat in die Lazyjacks eingetüdelt und musste unterwegs mühsam klariert werden. Andreas fährt unsere Starts, er hat ein Händchen dafür und so sind wir als erste über die Linie. Die meisten haben direkt den Spi gezogen, wir nicht, da wir direkt unter der Küste waren und nicht abfallen konnten. Für uns war der Kurs zu spitz. Trotzdem haben wir kaum verloren und nach Staberhuk war es auch für uns soweit, unser kleiner Spi, perfekt von unserem Vorschiffgott Basti mit doppelten Schoten angetüdelt, ging hoch. Wir sind dann etwas abgefallen und deutlich in Lee des Feldes gefahren, hatten dort aber den besseren Speed (bei etwa 12kt bis 17 kt wahrem Wind und ca. 70° scheinbarem Wind ein wahrer Ritt am Limit) und nur 3 Sonnenschüsse (wir hörten später, andere Booten hatten bis zu etwa 20 mal das Vergnügen). Als der Wind schließlich nachließ und etwas raumte, fuhren wir wieder ins Feld zurück und hatten plötzlich nur noch 3 Boote vor uns. Mit zweien gab es dann noch fruchtlose Luvkämpfe, die nur dem Führenden was brachten und konnten dann als zweites Boot und der zweiten berechneten Zeit vom Feld durch Ziel, viel besser als erhofft und wichtig, weil wir in Gedser einen der begehrten Liegeplätze längsseits direkt mit einer Steckdose kriegten. Sonst wichtig für den Kühlschrank, diesmal wichtig für den Heizlüfter.

Das Grillen in Gedser ist immer toll, man kriegt zwar so schnell wegen ausgebuchter Grills nix zu futtern, es ist aber super kommunikativ. Diesmal mussten wir aber eh warten, weil Andreas, der schon länger als Vorsitzender des Schiedsgerichtes fungiert, noch einen Protest verhandeln musste. Das zugrunde liegende Missverständnis konnte zur Zufriedenheit aller aufgeklärt werden und Basti zu unserer Zufriedenheit derweil einen Platz auf einem Grill erkämpfen. …und satt sind wir am Ende auch noch geworden.
2. Wettfahrt: Gedser nach Warnemünde
Das wurde ein richtig schöner Segeltag. Es ging mit viel Sonne und mit gutem, etwa halbem Wind auf die 40 Meilen, wobei wir das Verkehrstrennungsgebiet vor Rostock weiträumig umfahren. Andreas machte seinen Job, wir gewannen den Start und ließen den Spi unten, was bedeutete, dass wir gefühlt schneller waren, bzw. direkter fahren konnten als der Rest. Mir tat eh noch der Arm vom Tag vorher weh (Die Luffe hat Pinne und da kann unter Spi ordentlich Druck entstehen) und so deckten sich Bequemlichkeit und Speed. Blöd nur, dass das nicht immer so ist, wie wir zum Schluss noch erfahren sollten. So fuhren wir also wieder durchs Feld, hielten uns aus Scharmützeln raus und führten eine ganze Weile, bis es vor Rostock böig wurde, der Wind ständig drehte und wir schließlich eine astreine Kreuz hatten. Wir erwischten manche Dreher nicht richtig und fuhren die Schläge zu weit aus, sodass wir vor dem Ziel noch überholt wurden und wieder als zweite durchs Ziel fuhren. Den Ersten konnten wir zwar berechnet hinter uns lassen, wurden aber ebenso berechnet noch von einem hinteren Boot überholt, sodass es wieder der zweite Platz berechnet über alles wurde. Das war zwar schön, wollten wir aber eigentlich vermeiden, weil es uns für die letzten Rennen unter Druck setzte. Irgendwas ist ja bekanntlich immer, und jammern gehört dazu.
3. Wettfahrt: Warnemünde mit Kinken nach Kühlungsborn
Klingt etwas kryptisch, wurde aber eh wegen Flaute abgesagt und wir verholten uns unter Motor nach Kühlungsborn. Dort haben wir dann, soweit ich mich erinnern kann, im wesentlichen unseren Flüssigkeitsspiegel aufgefrischt und, hochwillkommen, geschlafen.
4. Wettfahrt: Kühlungsborn nach Grömitz
Die Sonne schien nicht ganz so schön, aber es wurde ein interessanter Segeltag. Zunächst hat Andreas den Start nicht versemmelt, aber wir mussten ausweichen und haben dabei unseren schärfsten Gegner, das gesamtführende Boot etwas behindert. Wir sind dann verspätet über die Linie, haben etwas gewartet und dann gekringelt um uns zu entlasten. War nur fair. Damit waren wir zunächst mal weiter hinten, sind unter Land geblieben und konnten bis zur Ecke in die Lübecker Bucht schon wieder etwas aufholen. Dort haben wir auf mehr Wind gehofft, was zumindest eingebildet auch eingetreten ist. Wir sind dann mit gutem Wind und Speed den direkten Weg zur Tonne gefahren, wo auch eine Zeitnahme stattfand, falls wir später in die Flaute fahren sollten. Danach haben wir den direktesten Weg zur Tonne gesucht und konnten dabei wieder etliche Boote überholen. Blöderweise luvte der Wind wieder und wir hatten einen Amwindkurs. Und am Horizont wurde es dunkel…

Wir fuhren eine moderate Hundekurve in der Hoffnung die Höhe noch gebrauchen zu können und wunderten uns über Boote, die sich weit nach Lee unter Land fallen ließen, um unter Gennacker oder Spi bleiben zu können. Die Schütte kam, kaum Sicht und einige knackige Böen. Wir lagen auf der Backe und der Wind drehte so weit, dass wir ca. 60°-70° vom Zielkurs abfallen mussten. Wir wollten aber die Nerven behalten und auf den Rückdreher warten, was nicht einfach war, zumal die meisten Boote hinter uns wendeten und Höhe holten (konnte man im AIS gut sehen). Kurz darauf drehte der Wind zurück, backte ab und zog uns zurück ins Ziel, ohne Manöver. Glück gehabt! Jedenfalls waren wir auf dieser Etappe mit relativ großem Abstand als erstes Schiff im Ziel und auch berechnet ganz vorne. Der Lohn der Angst: Gutes Gefühl!
5. Wettfahrt: Grömitz nach Burgstaaken und Abschlussfeier
Die 4. Etappe hatte unsere Position nicht verschlechtert und so kam es auf die letzte Runde an: Relativ platt, bei relativ wenig Wind bis Fehmarn. Andreas fand am Start zu alter Stärke und wir setzten den großen, leichten Spi, dem man sein Alter von 35 Jahren doch leider schon ansieht. Aber wie man treffend sagt: ‚wie der Herr, so‘s Gescherr‘. Wir fuhren auch platt und kreuzten nicht vor dem Wind, das spart Arbeit, Halsen und fuck-up. An der Tonne ‚Schwarzer-Grund‘ wurde es etwas eng, da es wegen Zeitnahme wieder ein Gate von nur 3 Bootslängen gab…, wir überliefen die Tonne und halsten in Ruhe, verloren nicht viel. Bis kurz vor Fehmarn hatten wir aber noch viele Boote vor uns. Der Wind nahm schnell zu und drehte nach vorn, sodass wir den Spi gerade noch rechtzeitig runternahmen, als er schon etliches Wasser geschaufelt hatte und das Boot kaum noch zu halten war. Dann hatten wir Amwind, Dreher, Flaute. Wir versuchten aufmerksam zu segeln, kamen ganz gut durch und waren 4. Boot im Ziel und 3. berechnet. Wir waren happy, aber überzeugt, dass es zumindest für die Gesamtwertung nicht gereicht hatte. Die Abschlußveranstaltung war wie immer toll, die Organisation hat perfekt geklappt, wie immer war es ärgerlich, dass man nicht für zwei Wochen im Voraus essen kann und wir waren freudig überrascht, dass es klar zur Hessenmeisterschaft und zum 2. Platz in der Gruppe und denkbar knapp doch zum Gesamtsieg über alles gereicht hat. Wer mehr erfahren möchte findet einiges im Netz unter manage2sail und auf der Website der Hessenregatta. Was aber noch bemerkenswerter ist: in der Teamwertung, dem Hessencup, in der wir mit einer Renngemeinschaft und unserem Teamkameraden Peter von der ‚Nice to have‘ von unserem Club und Ortwin vom Segel- und Ruderclub Aartal angetreten sind, sind nur denkbar knapp hinter Rüsselsheim auf Platz 2 gelandet!
Das Fazit
Eine wirklich schöne Veranstaltung mit einer sportlichen Qualität, bei dem aber auch ‚dabei sein ist alles‘ so viel zählt wir eine vordere Platzierung, vielen schönen Gesprächen im Hafen und je nach Wetter auch etwas, an das man sich lange positiv zurückerinnern kann. Auch konnten wir unsere Segelklamotten, inklusive mehrerer warmer Schichten und Stiefel artgerecht ausführen. Wir nehmen jedenfalls einiges mit und ich denke das geht den Meisten ebenfalls so. Eine klare Empfehlung mit Daumen hoch! Abschließend noch zwei Kuriositäten am Rande: Wirklich gruselig war es, die Funksprüche des russischen Zerstörers vor Fehmarn mitzuhören, der offenbar Sportbooten drohte diese in ‚self-defence‘ unter Feuer zu nehmen. Die entsprechende Aufregung war groß. Einen interkulturellen Konflikt anderer Art hätte fast der Marketing-Chef von Fehmarn, der stolz eine Kiste Wein aus dem befreundeten Gau-Bickelheim überreichte und augenscheinlich noch nix von ‚de ebsch Seit‘ gehört hatte, heraufbeschworen. Der Applaus fiel entsprechend spärlich aus, aber die Rheingauer sind ja für ihre feinsinnige Toleranz weithin bekannt. …Und zurück nach Kiel hat es unter der Brücke auch wieder gereicht. Langsam glaube ich, das hat System. Hoffen wir nur, dass die Bahn nicht plötzlich meint dynamisch werden zu müssen… Obwohl: den Bahnreisenden, die zur nächsten Hessenregatta mit dem Zug kommen, wäre es ja zu wünschen….
Text: Jochen Heinz
Bilder: Hessenregatta 2026