Manöver-Törn Ostsee: Eine Woche auf der Tuulikki Suuri

Ende April bis Anfang Mai macht­en wir uns zu viert auf in die west­liche Ost­see — Ste­fan Haus­mann und Sebas­t­ian Schul als Skip­perteam, Den­nis Dör­felt und Andy Dib­i­asi als Teil­nehmende mit eigen­em Tages-Skip­per-Anteil. Sieben Tage, knapp 200 Seemeilen, viele Manöver — und Momente, die man so schnell nicht vergisst.

Das Boot: Tuulikki Suuri

Unsere schwim­mende Basis für die Woche war die Tuu­lik­ki Suuri, eine Omega 36 aus den frühen 90ern — und ein echt­es Schmuck­stück. Das Boot ist in einem her­vor­ra­gen­den Zus­tand, durch­dacht aus­ges­tat­tet und segelt aus­geze­ich­net: Schon bei leicht­en Winden springt es sofort an, und auf dem Weg nach Lyø haben wir wirk­lich jedes Segel­boot über­holt, das uns begeg­net ist — darunter auch neuere Designs. Für ihre Größe ungewöhn­lich: die Steuerung per Pinne. Mehr Rück­mel­dung, mehr direk­tes Segeln — wer sie ein­mal hat­te, will sie nicht mehr mis­sen. Bei Rück­wärts­fahrt mit zwei Hän­den gut fes­thal­ten, und not­falls mit dem Fuß den Gashebel bedi­enen — auch das lässt sich lernen.

Tag 1: Sturm und Theorie in Heiligenhafen

Der Start war stür­misch — buch­stäblich. Raus­ge­hen wäre möglich gewe­sen, aber nicht sin­nvoll. Selb­st der Wasser­stand lag rund 80 cm unter Nor­mal. Also blieben wir im Hafen, nutzten den Tag für The­o­rie und übten das Leinen­wer­fen auf Dal­ben und Klam­p­en. Ein guter Auf­takt: Vor­bere­itung gehört zum Segeln dazu.

Tag 2: Fehmarn — Anlegemanöver in Serie

In Burgtiefe übten wir stun­den­lang sys­tem­a­tisch ver­schiedene Anlegetech­niken, bevor wir abends in den kleineren Hafen Orth weit­er­fuhren. Der Schw­er­punkt der Woche zeich­nete sich ab: An- und Able­gen mit Manöver­leinen — wind­stress­frei, kon­trol­liert, repro­duzier­bar. Die Leitidee: „Der Dal­ben ist unser Fre­und.” Das Prinzip der ersten Leine, das gezielte Ein­dampfen in Leinen — kein Manöver der Woche war wirk­lich bren­zlig. Wenn eine Anfahrt doch mal nicht passte, kon­nte der jew­eilige Rud­ergänger eigen­ständig abbrechen und neu ansetzen.

Am Abend in Orth zeigte der Blick auf Wet­terkarte und Routen­pla­nung: der Wind würde aus­re­ichen für einen län­geren Schlag, auch wenn wir gege­nan kreuzen müssen. Spon­tan entsch­ieden wir uns, die Chance zu nutzen — und Kurs auf Däne­mark zu nehmen. Abend stand dann noch Routen­pla­nung an inklu­sive Auseinan­der­set­zung mit dem Hafenführer.

Tag 3: Überfahrt nach Bagenkop

Mit passen­dem Wind kreuzten wir nach Bagenkop auf der dänis­chen Insel Lan­ge­land — für Den­nis und mich das erste Mal in der Dänis­chen Süd­see. Etwas Welle, etwas Gewöh­nungszeit auf dem Weg. Die Über­fahrt hielt einige beson­dere Momente bere­it: Zunächst mussten wir die Schießge­bi­ete Put­los und Toden­dorf umschif­f­en, wo unter anderem das Minen­jagdboot Ful­da für einen möglichen Ein­satz in der Straße von Hor­mus trainierte. Ein selt­sames Gefühl, auf den Secu­rite-Funksprüchen der Ful­da im Hin­ter­grund MG-Feuer zu hören. Später kam ein dänis­ches Spezialschiff mit mil­itärischem Auf­trag von achter­aus auf Kol­li­sion­skurs immer näher — wir entsch­ieden uns lieber für einen deut­lichen Kur­swech­sel, statt abzuwarten, ob die KVR berück­sichtigt wür­den. Unter­wegs nutzten wir die Bedin­gun­gen auch, um das Bei­drehen zu üben, was mit der Tuu­lik­ki Suuri sehr gut funk­tion­ierte. Trotz­dem forderte die Welle ihren Trib­ut: Zweimal wurde ich unter Deck auf Frei­wache seekrank. Glück­licher­weise gewöh­nte ich mich im Laufe der Woche an das Schaukeln, und es kam nicht mehr vor.

Abends im Hafen­beck­en dann ein Schaus­piel, das kein­er von uns je zuvor gese­hen hat­te: Unzäh­lige Fis­che sprangen gle­ichzeit­ig nach Insek­ten — kein vere­inzeltes Platschen, son­dern ein gle­ich­mäßiges, flächiges Plätsch­ern über das ganze Beck­en. Ungewöhn­lich, schön, irgend­wie magisch.

Tag 4: Nach Lyø — mit Reffstopp und Überholmanövern

Südlich an Ærø vor­bei, dann Kurs Lyø. An diesem Tag hat­ten wir 4, kurzzeit­ig 5 Beau­fort — auf Halb­wind kurz ein­ger­efft, bald wieder aus­ger­efft. Auf dem let­zten Schlag hoch am Wind frischte der Wind endgültig auf 5 Beau­fort auf — und es war bald Zeit, die Segel zu bergen. Die Tuu­lik­ki Suuri ließ auf dem Weg dor­thin kein einziges Segel­boot vor­bei — neuere Designs eingeschlossen. Ein Inselspazier­gang auf Lyø run­dete den Tag ab: beschauliche Ruhe, Fasane am Weges­rand, Gäns­eschwärme über den Feldern. Die kleinen dänis­chen Inseln hat­ten uns auf schöne Art über­rascht — so unaufgeregt, so weit weg vom Alltag.

Tag 5: Ankern vor Avernakø — Pfannkuchen und Schweinswale

Auf dem Weg nach Drejø legten wir einen Anker­stopp an der Nord­west­spitze von Aver­nakø ein. Ste­fan nutzte die ruhige Stunde für das, was er vor Anker am besten kann: Pfannkuchen auf See. Anker, Sonne, Pfannkuchen — manche Momente brauchen keine weit­ere Erk­lärung. Auch auf diesem Schlag: Schwein­swale — manch­mal zu dritt, manch­mal weniger als eine Schiff­s­länge ent­fer­nt: Kurz aufge­taucht, kurz abge­taucht, und weit­er. Eine Freude, jedes Mal.

Tag 6: Svend­borg Sund — Nav­i­ga­tion, Entschei­dun­gen, Landschaft

Am näch­sten Mor­gen dann Kurs auf den Svend­borg Sund, der zu den nav­i­ga­torisch schön­sten und anspruchsvoll­sten Abschnit­ten der Woche gehörte den wir planer­isch gut vor­bere­it­eten. Kurz vor Svend­borg wech­sel­ten wir auf Segeln unter Gen­ua: weniger Kom­plex­ität auf engen Kursen, keine Paten­thalsen im Blick behal­ten müssen — dafür volle Konzen­tra­tion auf Nav­i­ga­tion und die Land­schaft, die sich zu bei­den Seit­en entfaltete.

Nach einem kurzen Landgang in Svend­borg und eini­gen Anlege­manövern im Hafen ging es unter Gen­ua weit­er durch den engen Sund und die schöne Land­schaft. Wir waren kaum langsamer als ein ver­gle­ich­bares Boot unter Vol­lzeug. Hin­ter der Brücke von Rud­köbing der Wech­sel auf Motor: Wind von genau gege­nan, enge Fahrwass­er — hier hätte eine Kreuz nicht funk­tion­iert. Eine nüchterne, richtige Entschei­dung. Abends Ein­laufen in Marstal und kurz davor nochmal die Freude ein­er Schwein­sw­al Sich­tung. Im Hafen eine Über­raschung: Wir woll­ten an Bro 8 (Steg 8) anle­gen, aber waren irri­tiert, dass Bro 6 voll­ständig fehlt und nur noch Dal­ben da sind und Bro 7 ges­per­rt ist. Bro 8 war schon entsprechend voll und wir entsch­ieden uns für Bro 9 um eine Box gegen den Wind anlaufen zu können.

Tag 7: Die Nachtfahrt

Der krö­nende Abschluss. Absichtlich spät ges­tartet — tagsüber war kaum Wind gemeldet — legten wir um 16 Uhr in Marstal ab. Der Wind set­zte am frühen Abend ein und blieb beständig bei 3–4 Beau­fort. Zum Son­nenun­ter­gang spielte Sebas­t­ian auf dem Vorschiff Gitarre. Dann, gegen 21:30 Uhr, ging der Voll­mond über Fehmarn auf — auf der anderen Seite des Horizonts.

Was fol­gte, war Nav­i­ga­tion bei Nacht: Leucht­feuer erken­nen, Blinkse­quen­zen zuord­nen, Ton­nen iden­ti­fizieren — und dabei merken, wie gute Vor­bere­itung und eine einge­spielte Crew diesen Moment nicht stres­sig, son­dern schlicht wun­der­voll machen. Wir hat­ten uns tagsüber rund eine Stunde vor­bere­it­et: Welche Feuer erwarten uns, welche Far­ben, welche Sequen­zen? In der Nacht dauerte es dann einen kurzen Moment, bis man das Gese­hene mit dem Gel­ern­ten abglich — und mit jedem Leuchtze­ichen wurde es schneller, müh­elos­er, selb­stver­ständlich­er. Wir hat­ten kurzfristig besprochen, wegen der Win­drich­tung kurz aus dem weißen Ans­teuerungs­bere­ich her­auszusegeln, um mehr Raum für die Wende zu gewin­nen. Kurz vor der grü­nen Tonne Heili­gen­hafen 1 kamen wir beim Leucht­feuer dann wieder vom roten in den weißen Bereich.

Die Hafe­nan­fahrt Heili­gen­hafen nur nach Leit­feuern und kurz angeleuchteten Ton­nen zu steuern, den Plot­ter nur noch zur gele­gentlichen Bestä­ti­gung zu nutzen — das war eines der per­sön­lichen High­lights der ganzen Reise.

Gegen 2 Uhr mor­gens macht­en wir in Heili­gen­hafen fest.

Was wir mitgenommen haben

Neben den Manövern selb­st — und dem zweit­en Schw­er­punkt Sicher­heit und Leben an Bord (Sicherungsleinen, Automatik­west­en, Wach­sys­tem, Essen­s­pla­nung, Log­buch) — waren es auch die kleinen Learn­ings: UV-Stift für die Lip­pen ein­pack­en. Beine und Füße warm hal­ten — der Boot­skör­p­er hat Ost­seetem­per­atur, also rund 10 °C. Und: Seekrankheit ist am Anfang am wahrschein­lich­sten — danach gibt sich das meist.

Beson­ders wichtig auf lan­gen Schlä­gen ist ein gut organ­isiertes Wach­sys­tem, bei dem die Frei­wache sich kon­se­quent aus­ruhen kann und auch mal die Augen zumacht. So kon­nten wir unsere mehr als zehn­stündi­ge Rück­reise in die Nacht hinein mit ein­er fit­ten Crew durch­führen, die zum Ein­laufen in Heili­gen­hafen wieder “all hands on deck” hellwach war.

Am Ende war es eine Woche mit viel gel­ernt, viel gelacht — und mehr als einem Moment, der einen daran erin­nert, warum man segelt.

Bis zum näch­sten Törn — und fair winds!

Bericht und Fotos: Andy Dibiasi

Dieser Beitrag wurde unter Segeln, Startseite, WVSWoche abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.